17.12.2008

Eine lehrreiche Stadtrundfahrt

Wir Peer Educators (Camila, Laércio und Elayne) von Roda de Fogo machten am 2. und 3. Dezember im Rahmen unseres Heimatkundeunterrichts zusammen mit unseren Jugendlichen eine Stadtrundfahrt durch Recife.

In Vorbereitung auf diesen Ausflug, schien es uns wichtig, dass die Jugendlichen erst mal ihr eigenes Wohnumfeld Roda de Fogo besser kennen lernten: Sie erforschten die Geschichte dieses Armenviertels, indem sie ältere Bewohner und Bewohnerinnen befragten, einen Videofilm über diese Gemeinde anschauten und gezielt die bestehenden Organisationen aufsuchten. Dann endlich war es soweit: Wir hatten eine eigene dreistündige Stadtrundfahrt, mit zwei Touristenführerinnen der Stadt Recife – Iria und Cristina –, die uns alles erklärten. Wir lernten bekannte Gebäude, Plätze, Brücken und Straßen und viele Details kennen, was allein durch das Anschauen eines Videofilms oder von Postkarten nie möglich gewesen wäre.

Rafael kommentiert: „Es war wirklich toll, denn wir wurden zudem gut behandelt. Als wir in Alt-Recife auf dem Platz „Marco Zero“ ankamen, bat Iria uns, die Hand zu öffnen und zeigte uns, wie die ersten fünf Straßen unserer Stadt von diesem Platz ausgehend gebaut wurden. Von dort sind wir dann bis zum westlichsten Rand von Recife gefahren, wo der Künstler Brennand seine Keramikausstellung hat. Dort habe ich erfahren, dass er zuerst malte, dann durch seine seltsamen Skulpturen bekannt wurde, wo er z. B. einen Frauenkörper auf einen Froschkopf setzt.“ Auch Tânia ist begeistert von diesen Kunstwerken. „Mich hat besonders die Bildersammlung im Schlossmuseum von Brennands Bruder beeindruckt, insbesondere eine Darstellung von Rotkäppchen sowie eine Skulptur von Adam und Eva. In der Stadt selbst fand ich die vielen Brücken und Schiffe am Hafen toll. Ich werde sicher nicht mehr so schnell hinkommen, aber selbst, wenn ich erst in vielen Jahren erneut dazu komme, werde ich alles wieder erkennen – es war einfach fantastisch.“

Wir Peer Educators sind total begeistert, weil selbst wir viele Sehenswürdigkeiten unserer Geburtsstadt zum ersten Mal gesehen haben.

Laércio, Camila und Elayne

Friedenserziehung in der Praxis

Kann man ein friedenförderndes Verhalten erlernen? Die Mitglieder der Organisation „Gente que faz a Paz“ (Menschen, die den Frieden praktizieren) glauben daran.

Sie veranstalteten eine 10-monatige Weiterbildung in Friedenserziehung für Fachkräfte und Mitarbeiter von sozialen Institutionen, Bildungs- und Umwelterziehungseinrichtungen, an der auch unsere pädagogische Leiterin Conceição Amorim, Josélia Meierelles, Erzieherin aus Santo Amaro, sowie unsere Peer Educator aus Roda de Fogo, Camila Melo, teilnahmen. „Für mich liegt der Wert einer solchen Veranstaltung klar darin zu sehen, dass Personen unterschiedlichster Voraussetzungen und Herkunft gemeinsam erfahren, wie man in der Familie, bei der Arbeit oder in der Freizeit ein friedfertiges Verhalten erlernen kann“, argumentiert Josélia.

Das letzte Treffen in diesem Jahr fand am Weihnachtstag statt und begann mit der Erzählung „Heiße Zuneigung“. Hier wird die Wichtigkeit der Bekundung von Liebe und Respekt hervorgehoben und dann in einem „Tunnel der Liebe“ praktiziert, in dem stets ein(e) TeilnehmerIn durch einen Menschentunnel geht und sich Zeichen der Zuneigung und Mitmenschlichkeit angedeihen lässt. Das ist nicht gleich einfach für jeden, manche schreckten regelrecht davor zurück, andere freuten sich, eine feste Umarmung, einen Kuss zu bekommen.

Conceição Amorim

Es war wie Weihnachten

Mit einem Treffen auf einem Landgut ausserhalb von Recife verabschiedeten die Kinder und Jugendlichen von AdoleScER das Jahr 2008.

Die Bühne war klein, aber sie bot den jungen Künstlern ausreichend Raum, ihre spontane Kreativität zu entfalten. Sie hatten das Programm selber gestaltet und neben den anderen Aktivitäten eigene Theaterstücke geschrieben und Tänze einstudiert, Geschichten, in denen sich ihre Alltagssituationen spiegelten und die den Zuschauern auf eindrückliche Weise zeigten, wie wichtig es für jede einzelne und jeden einzelnen ist, Teil von AdoleScER zu sein. Es gab für jeden eine passende Rolle, für den noch etwas schüchternen Jungen aus Roda de Fogo, der erst vor einem halben Jahr seine Ausbildung zum jugendlichen Informationsmultiplikator begonnen hat, genau so wie für die abgeklärten „Halbprofis“ der AdoleScER-Tanzgruppe.

Die Zuschauer waren begeistert von den vielfältigen Darbietungen, die – so unterschiedlich sie auch waren – ein gemeinsames Leitmotiv hatten: Sie drückten alle ein starkes Gruppengefühl aus, den Willen, gemeinsam Hindernisse zu überwinden, aber auch die Bereitschaft, als einzelner Verantwortung zu übernehmen und zum Baumeister des eigenen Schicksals zu werden. Mit viel Humor liessen etwa die Kinder und Jugendlichen aus Santo Amaro in ihrem selbst verfassten Schauspiel das abgelaufene Jahr Revue passieren. Sie hoben dabei nicht bloss die Höhepunkte hervor, sondern wiesen auch immer wieder auf Schwierigkeiten und Konflikte hin, mit Witz und Selbstbewusstsein, aber auch mit einem Schuss Selbstkritik. Auch das Leitungsteam kam nicht ungeschoren davon, die liebevollen Parodien waren letztlich aber ein Ausdruck eines tiefen Vertrauens und machten darüber hinaus deutlich, dass bei AdoleScER Bürgerrechte und Partnerschaft nicht bloss propagiert, sondern tatsächlich gelebt werden.

Die Teamleitung hatte das Treffen in Aldeia organisiert, weil ihr daran lag, dass alle, die am AdoleScER-Ausbildungsprogramm beteiligt sind, sich einen Tag lang, abseits der üblichen Aktivitäten und der Hektik einer Grossstadt begegnen konnten, in ungezwungener Geselligkeit, aber nicht einfach als Konsumenten irgend welcher professionell organisierter Freizeitvergnügen. Es war in jeder Beziehung ihr Tag: Die insgesamt 70 Kinder und Jugendlichen bestimmten weitgehend den Ablauf und sie waren gleichermassen Akteure und Publikum. Und sie genossen das eine wie das andere: freuten sich am Applaus ihrer Kameraden und sparten wenige Minuten später ihrerseits nicht mit Beifall für die Darbietungen der anderen.

Es war keine Weihnachtsfeier im traditionellen Stil, aber es herrschte durchaus so etwas wie eine weihnächtliche Stimmung im wahren Sinne des Wortes. Jeder und jede bekam auch ein kleines Geschenk, ein Kuscheltier oder ein anderes Präsent, das Freunde von AdoleScER der Koordinatorin Gunde Schneider bei ihrem letzten Aufenthalt in Deutschland für die Kinder und Jugendlichen in Recife mitgegeben hatten.

„Wir haben bei AdoleScER ein schwieriges Jahr hinter uns“ zog Gunde Schneider nach dem Treffen in Aldeia Bilanz. „Umso wichtiger war es, dass wir bei dieser Feier nicht nur die Geselligkeit pflegen konnten, sondern auf eindrückliche Weise gesehen haben, dass unsere Arbeit allen Widerständen und Herausforderungen zum Trotz auch 2008 Früchte getragen hat. Ich bin stolz auf das Team von AdoleScER und auf die grossen Fortschritte, die unsere Kinder und Jugendlichen trotz ungünstiger Rahmenbedingungen gemacht haben.“

 
Lúcia Pimentel

Ein Dialog über die Kontinente hinweg

Der Caritasverband aus Deutschland lernte bei einer Dialogreise nach Brasilien auch die Arbeit von AdoleScER kennen.

Die 13-köpfige Delegation hielt sich einen Nachmittag lang in unserem Projektstandort Caranguejo auf und bekam dort näheren Einblick in die Aktivitäten des Programms „Aprender Brincando“ (Spielend Lernen), das u. a. mit Spenden von Caritas International finanziert wird. Dabei entstand ein reger Gedankenaustausch zwischen den Besuchern aus Europa auf der einen, und den Kindern und Jugendlichen aus dem Armenviertel auf der anderen Seite. Die Gespräche waren geprägt von echter Anteilnahme und Interesse an einer von sozialer Benachteiligung geprägten Lebenswirklichkeit , aber auch vom Wunsch, mehr darüber zu erfahren, wie sich das Leben der Kinder und Jugendlichen durch das Wirken von AdoleScER konkret verändert hat. Die Gäste aus Deutschland zeigten sich beeindruckt von der Selbstverständlichkeit und dem Selbstbewusstsein, mit der die jungen Menschen sich mit ihrer Realität auseinandersetzen.
 
Gunde Schneider

„Auch wenn wir vom Leben vergessen sind, sind wir glücklich!“

Die Kinder von „Aprender Brincando“ aus Santo Amaro begingen ihre Weihnachtsfeier mit einem selbst verfassten und inszenierten Theaterstück über die harte Arbeit von Müllsammlern.

AdoleScER wollte allen Kindern von „Aprender Brincando“ ein Weihnachtsfest im eigenen Arbeitssitz bieten. Allein die Organisation der Gruppentreffen aus den verschiedenen Projektstandorten mit allem, was dazu gehört, wie Transport, Imbiss, Geschenkauswahl, Teilnehmerzahl von mehr als 120 Kindern und Jugendlichen, u. a. m. war ein logistisches Meisterwerk! Spiele, kleine Geschenke, ein guter Imbiss, ein ausgelassenes Bad im Schwimmbassin und Aufführungen von Theater- und Tanzstücken, einstudiert von den verantwortlichen Peer Educators, beinhaltete das Programm des Tages. Es sind zu viele Kinder im Programm, als dass sie alle am gleichen Tag hätten kommen können. Aber es gelang zumindest, dass z. B. die von Roda de Fogo als Zuschauer der Theater- und Tanzaufführungen von Santa Luzia und diese ihrerseits bei denen von Caranguejo dabei waren.

Als Beispiel wollen wir hier erzählen, wie das Treffen mit der Gruppe aus Santo Amaro abgelaufen ist: Am 10. Dezember kamen 25 Kinder in Begleitung der Peer Educators Derivalda, Tarciana und Glauber, der Erzieherin Josélia und Lenildo, dem Informatikassistenten, in einem gemieteten Bus von Santo Amaro zum Stadtteil Cordeiro, wo die Zentrale von AdoleScER ist. Auch einige Jugendliche aus dem Ausbildungskurs durften mitkommen. Sie wollten sich mit einbringen – als Helfer, Tänzer oder “Schauspieler“.

Das Theaterstück sollte die Botschaft vermitteln, dass Solidarität auch unter ärmsten und  schwierigsten Arbeits- und Lebensbedingungen wie bei den Müllsammlern möglich ist. Hauptakteure der Geschichte sind die beiden elfjährigen Mädchen Jeane und Naiara, die auf der Müllhalde arbeiten und bei der Ankunft des Lastautos mit dem Abfall in einen heftigen Streit um die am besten wieder verwertbaren Produkte geraten. In diesem Moment taucht Sandra, die Leiterin der Gewerkschaft, auf und weist die beiden Streithähne darauf hin, dass alle Anspruch auf den Müll haben, woraufhin beide sich an ihre Arbeit begeben und andere Sammlerkinder auftauchen. Es bildet sich ein Kreis, in dessen Zentrum sich Jeane und Naiara befinden, und alle beginnen den weit verstreuten Abfall zu durchsuchen. Plötzlich öffnet sich der Kreis, alle Kinder setzen sich und Jeane, mit einigen Blumen in der Hand, beginnt, eine „Ciranda“ zu tanzen, begleitet von den Kindern, die alte Blechbüchsen, Gläser und Holzstücke als improvisierte Schlaginstrumente benutzen. Und dann gliedern sich nach und nach alle in den Kreis ein und tanzen gemeinsam diesen alten brasilianischen Reigen, den sie die „Ciranda der Blumen“ getauft haben.

Nach dem Tanz kommt noch die Abschlussszene: Sie umarmen sich und Jeane sagt: „Alles, was ihr am Anfang des Theaterstücks gesehen habt, zeigt unser Leben auf der Müllhalde: Hunger, Armut und Ungerechtigkeit“ und Naiara fügt hinzu: „ Aber dort existiert nicht nur Streit. Es gibt auch Liebe, Frieden, Freundschaft, Zusammenarbeit und Einigkeit“. Beide zusammen betonen noch: „Auch wenn wir vom Leben vergessen sind, sind wir glücklich!“ Alle umarmen sich, wenden sich dem Publikum zu und freuen sich über den Applaus.

Alle Zuschauer zeigen ihre Freude und auch Rührung über dieses gelungene Theaterstück.  Derivalda und Glauber sind ebenfalls sehr froh, dass alles gut geklappt und sich diese Riesenarbeit gelohnt hat. „Am Anfang dachte ich, es würde nie gelingen. Bei so vielen Kindern aus so schwierigen Verhältnissen schien es uns zunächst fast unmöglich, diese Aufführung zu schaffen. Schwierig war dann auch, dass sie den Rhythmus des Ciranda-Tanzes ganz ohne unsere Leitung nicht hinkriegten. Aber dann hat es doch gut geklappt und ich bin total glücklich darüber“ kommentiert Derivalda ihre Leistung. Glauber meint noch: „Die Angst, unser Ziel zu verfehlen, d. h. die Botschaft des Stücks nicht hinüberzubringen, war groß. Aber dann haben wir gesehen, dass sich der ganze Aufwand, die Überwindung der Angst gelohnt hat, und jetzt sind wir sehr zufrieden.“

Die Kinder selbst sind euphorisch über das viele Lob. Trotzdem wollen sie es beim nächsten Mal noch besser machen. Sie bedanken sich bei allen und rennen zum Schwimmbassin und zu den vielen Spielen, die für diesen Tag vorbereitet wurden.


Lúcia Pimentel