27.05.2009

AdoleScER mit im Bund für mehr Solidarität

Die Bundesuniversität von Pernambuco veranstaltete am 7. und 8. Mai zum ersten Mal ein Seminar unter dem Motto „Ist eine andere, solidarischere Lebensform möglich?“ Institutionen aus dem Bildungs- und Gesundheitssektor sowie soziale Bewegungen stellten ihre Arbeit vor. Auch die Gruppe AdoleScER präsentierte ihr Projekt im Bereich Humanisierung und Gesundheit.

Die Organisationen hatten am Seminar die Möglichkeit, sich gegenseitig kennen zu lernen, um durch stärkere Vernetzung Energien zu bündeln und zu verhindern, dass pures Wirtschaftlichkeitsdenken ihr Handeln bestimmt.

Besonders beeindruckt waren die teilnehmenden Peer Educators von der an der Veranstaltung in Recife vorgestellten Entbindungsklinik Sofia Feldmann im Bundesstaat Belo Horizonte, die humanisierte Geburten durchführt. Derivalda, die mit 19 Jahren Mutter wurde, kommentierte: „Als ich mein Kind bekam, war ich allein, obwohl hier schon ein Gesetz existiert, nach dem eine Begleitperson dabei sein darf. Ich fände es toll, wenn diese Klinik auch hier in Recife eine Filiale aufmachen würde“.

Conceição Amorim

Den Stier bei den Hörner gepackt

Den elektrischen Stier hat AdoleScER problemlos gebändigt. Die wahre Herausforderung des dreitägigen Treffens in Gravatá, war aber gemeinsam herauszuarbeiten, wo unsere Organisation heute steht und wohin sie sich weiter entwickeln soll.

Einerseits war das Zusammentreffen in Gravatá so etwas wie ein Klassenlager, eine Mischung von Weiterbildung und Gemeinschaftspflege. Durch Spiel, Sport und andere Gruppenaktivitäten kamen wir uns alle etwas näher und lernten Seiten voneinander kennen, die während der Arbeit nicht zum Vorschein kommen. Die Priorität des Treffens war aber nicht der Spaß: Im Vordergrund  stand die Frage, wie jede und jeder Einzelne des Leitungsteams, der Erzieher und der Peer Educators ihre, bzw. seine Rolle bei AdoleScER sieht und die Organisation in ihrer Gesamtheit bewertet.

Zu diesem Zweck fanden an zwei der drei Tage Workshops statt, in denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Erwartungen an AdoleScER und an sich selbst formulierten, Stärken und Schwachpunkte im Arbeitsablauf erörterten und vor allem kurz- und langfristige Lösungsvorschläge diskutierten. Angesichts des vielfältigen Themenspektrums liess sich nicht jeder einzelne Aspekt vertiefen. Es wurde aber eine solide Grundlage geschaffen für die Weiterentwicklung unserer Organisation in Zusammenhang mit der nun eingeleiteten Projektkooperation zwischen AdoleScER und dem Weltfriedensdienst/BMZ. Dazu trug auch die Moderation von Domingos Corcione bei, einem externen Berater mit über 20-jähriger Erfahrung in Analyse und Planung bei NGOs. (mehr...)

Das stets aufmerksame und zuvorkommende Hotelpersonal sorgte nicht nur für unser Wohlbefinden, es hatte auch tolle Überraschungen vorbereitet, die das Gemeinschaftsgefühl  stärkten. Am letzten Abend setzte es sogar die grosse Wasserrutschbahn in Betrieb. Viele der Jugendlichen waren zum ersten Mal in ihrem Leben bei einem solchen Vergnügen dabei. Die, die sich getrauten, fühlten sich als große Abenteurer, während die Zurückhaltenderen ihren Spaß als Zuschauerin oder Zuschauer hatten. Noch spektakulärer wurde es nach dem leckeren Abendessen und der anschließenden Verdauungspause: Ein Ritt auf dem elektrischen Stier stand auf dem Programm. Ob ganz kurz oder sehr lang, ob jung oder alt, ob Koordinatorin oder Peer Educator, jede(r) hat den Stier bei den Hörnern gepackt. Es war ein lustiger und ausgelassener Abend.

In den drei Tagen in Gravatá haben wir nicht alle erwünschten Antworten gefunden. Aber es sind viele wichtige Fragen gestellt worden. Das Treffen war ein weiterer bedeutender Schritt auf einem langen und sicherlich nicht einfachen Weg, der aber einmal mehr als richtig erkannt wurde und  nachhaltige Ergebnisse verspricht.
 
Lukas Moser

Ein neuer Projektpartner und hochgesteckte Ziele

AdoleScER hat eine wichtige neue Etappe in Angriff genommen: Zusammen mit dem Weltfriedensdienst wird die Organisation in den nächsten Jahren weitere 100 jugendliche Peer Educators ausbilden und sie befähigen, nach und nach mehr Verantwortung für ihre Gemeinde und die Jugendzentren in den Projektstandorten zu übernehmen.

Der 4. Februar 2009 ist offizieller Beginn eines neuen Kooperationsvorhabens zwischen Grupo AdoleScER und dem Weltfriedensdienst e. V./BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) mit dem Titel „Soziale Integration und Gewaltprävention durch Peer Education“. Wenn wir hier von Partnern sprechen, wollen wir in diesem Zusammenhang auch den Förderkreis für Brasilien in Hochheim erwähnen, der sich ebenfalls mit großem Engagement an der Entwicklung dieses neuen Projektes beteiligt.

Unser Zeitlimit beträgt vorerst gut zwei Jahre, wobei jetzt schon klar ist, dass aufgrund der Komplexität des Vorhabens, eines verspäteten Beginns und situationsbedingter Gegebenheiten vor Ort eine Verlängerung der Projektdauer nötig sein wird. Aber zunächst wollen wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser hier kurz vorstellen, was geplant ist:
  1. Die vier Projektstandorte (Santo Amaro, Roda de Fogo, Caranguejo und Santa Luzia) sowie der Hauptsitz von AdoleScER werden erweitert bzw. renoviert, um den neuen Anforderungen zu genügen. 
  2. Insgesamt 100 neue Jugendliche - je 25 aus jedem Projektstandort -  werden für die Peer Educator-Ausbildung von AdoleScER ausgewählt und absolvieren den dreijährigen Kurs. 
  3. Die Fakultät für Psychologie der Bundesuniversität von Pernambuco UFPE begleitet dieses Vorhaben mit einer Studie über die Methode und Wirksamkeit der Peer Educator-Ausbildung im gegebenen Umfeld. 
  4. Die Jugendlichen übernehmen nach und nach auch die Verantwortung für die Leitung der Zentren in ihrem jeweiligen Projektstandort. Erwerbsbringende Maßnahmen ermöglichen im Laufe der Zeit die finanzielle Unabhängigkeit der Jugendzentren und beschäftigen sinnvoll und mit Gewinn einen Teil der Ausgebildeten. 
  5. Durch intensive Medien- und Öffentlichkeitsarbeit in Brasilien und im europäischen Raum wird der Bekanntheitsgrad von AdoleScER gesteigert und das Netzwerk zwischen Organisationen der Jugendarbeit sowie Unterstützern verbessert. Ein Handbuch über die  Peer-Educator-Ausbildung von AdoleScER wird erstellt und auch über Internet Interessierten zugänglich gemacht.

Die ersten drei Monate seit Projektbeginn sind vorbei, und eine erste Bilanz steht an. Viele Dinge mussten parallel in die Wege geleitet werden, was einen enormen zusätzlichen Arbeitsaufwand und großen Druck verursachte.  Das Mitarbeiterteam hat diese Belastungsprobe aber mit Bravour bestanden.

Damit alle Mitarbeitenden von AdoleScER diese Neuerungen, die das Projektvorhaben begleiten, nicht nur akzeptieren, sondern auch verstehen und mit tragen, veranstalteten wir noch Ende April ein Seminar (mehr...) mit allen Peer Educators, den ErzieherInnen und dem Leitungsteam. Die kurze Zeit wurde bestens genutzt: persönliche Auswertungsmomente wechselten sich mit solchen auf die Arbeitsbereiche bezogenen ab. Mit Präzision konnten Problempunkte genannt und mittel- bis langfristige Lösungen benannt werden. Mit Hilfe des Moderators Domingos Corcione begannen wir zudem, einer systemischen Auswertung von AdoleScER Raum zu geben. Anhand der Vorstellung des Begriffs von Nachhaltigkeit einer NGO, festgelegt an den drei Grundbedingungen  (die sozio-politische, die technische-administrative sowie die finanzielle Dimension), analysierten die TeilnehmerInnen diese für die Gruppe AdoleScER. Selbstverständlich handelte es sich bei dieser moderierten Interaktion um eine Akzentsetzung angesichts des nun begonnen Projektes, der weitere Momente strategischer und operativer Planung folgen müssen.

Gunde Schneider

Vereint im Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern

Der sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen geht alle etwas an. Es war für AdoleScER deshalb selbstverständlich, gemeinsam mit anderen Organisationen an einem Marsch gegen solche kriminellen Machenschaften teilzunehmen.

Nach und nach füllte sich die Praça 13 de Maio in Recife immer mehr. Zahlreiche Kinder, Jugendliche und Erwachsene versammelten sich, um an der von mehreren Dutzend Organisationen veranstalteten Kundgebung gemeinsam die Bevölkerung zum Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung aufzurufen.  Vor dem Marsch blieb noch etwas Zeit für einen Gedankenaustausch unter den Jugendlichen der verschiedenen Vereinigungen. Für die Peer Educator Derivalda von AdoleScER wurde der Anlass sogar zu einer Art Familientreffen, machte ihre Schwester doch in einer der Theatergruppen mit, die für die Demonstration spezielle Stücke einstudiert hatten und zusammen mit einer Hip-Hop-Gruppe die Teilnehmer auf das Thema und den Marsch einstimmten.  „Das Sex-Geschäft mit Kindern und Jugendlichen ist ein Verbrechen“, lautete die Parole, mit der die Gesellschaft aufgerüttelt werden sollte. „Deshalb ist es Bürgerpflicht, die Fehlbaren anzuzeigen.“

Die Peer Educators Karla Valeria, Elayne, Derivalda und Antonio nahmen als Abgeordnete der vier Quartiere, in denen AdoleScER tätig ist,  am Marsch durch die Strassen von Recife teil. Sie wurden begleitet von Teilnehmern des Kurses „Spielend Lernen“: Milton, Claudio und Jéssica aus Santa Luzia sowie Bruna, Mayra und Alison aus Santo Amaro. Mit dabei waren zudem Lukas, der fotografierte, sowie Belmira, die Mutter von Karla Valéria und deren Töchterchen Kassandra.

Auch wenn nach der Kundgebung alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer schwere Beine hatten:  Stärker als die Müdigkeit war die Befriedigung, sich für eine gerechte Sache eingesetzt zu haben.  Und die Überzeugung, dass der Marsch bestimmt dem einen oder anderen Passanten die Augen geöffnet hat.

Lukas Moser