20.06.2008

AdoleScER – Voneinander lernen

Hannah Müggenburg, eine 22-jährige Psychologiestudentin aus Darmstadt, absolvierte im Februar und März 2008 ein zweimonatiges Praktikum bei AdoleScER und erhielt dabei einen umfassenden Einblick in die Arbeit unserer Organisation. Die Begegnung mit den Kindern und Jugendlichen in Armenvierteln hat ihren Horizont in einer Art und Weise erweitert, wie es in Deutschland nicht möglich gewesen wäre. Hier Hannahs Eindrücke:

„Die Arbeit beim Grupo AdoleScER hat mich sehr beeindruckt. Das auf dem Peer-Education-Prinzip beruhende Informationsmultiplikator-Konzept ermöglicht es, die widrigen Lebensumstände von der Basis her zu bekämpfen und Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Dabei geht es in erster Linie darum, die Schutzfaktoren, die Kinder davor bewahren, automatisch Teil des Teufelskreises aus Drogen, Gewalt und Armut zu werden, zu aktivieren und zu verstärken. Die Jugendlichen selbst wählten den sehr passenden Vergleich einer Lotuspflanze, die es trotz Schlamm und Abfall schafft, eine wunderschöne Blüte zu entfalten. Die Frucht bzw. zarte Blüte dieser Arbeit kann man bei AdoleScER oft jetzt schon bewundern, wenn man Kindern und Jugendlichen begegnet, die mit bewundernswerter Kraft den Umständen trotzen, feinfühlig, sensibel und nachdenklich sind.

Folgendes Beispiel aus Santo Amaro, einem der gewalttätigsten Elendsviertel in Recife, hat mir die Nachhaltigkeit und den unschätzbaren Wert der Arbeit von AdoleScER besonders deutlich vor Augen geführt: Obschon die Kinder ständig Zeuge überbordender Gewalt sind, ist die Gruppe hier wie eine große Familie. Jedem wird große Wertschätzung entgegen gebracht. Auch ich wurde sofort  integriert. Die Kinder und Jugendlichen übernehmen selbstverständlich Arbeiten und kümmern sich so um „ihr“ Haus, einen Platz der Ruhe und Freundschaft, an dem sie auch in ihrer Freizeit für kurze Zeit sorglos ihre Kindheit ausleben können. Angesichts der vielen Gewalttaten selbst in der kurzen Zeit, in der ich hier war, konnte ich am eigenen Körper nachempfinden, wie wichtig ein solcher Ort des Friedens ist.

Die besondere Philosophie von AdoleScER Informationsmultiplikatoren auszubilden, diese weiterzubeschäftigen und den Kindern und Jugendlichen neben Wissen vor allem Kompetenzen zu vermitteln, hat mich sehr überzeugt. So lernen die JIM nicht nur Fakten über Gesundheit, Bürgerrechte, Umwelt und sexuelle Aufklärung. Sie erwerben auch die Fähigkeit, ihre Rechte einzufordern, eine kritisch-reflektierende Haltung gegenüber gesellschaftlichen Gegebenheiten und das Selbstbewusstsein, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese auch vor anderen verständlich zu vertreten und Diskriminierungen aufgrund sozialer Stellung, Rasse, Ideologie oder Religion entgegenzuwirken. Außerdem wird ihnen beigebracht, Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Die Akzeptanz und Glaubwürdigkeit ist wesentlich größer, wenn Jugendliche anstatt Erwachsene als Lehrer und Vorbilder auftreten.

Ich habe von den Kindern und Jugendlichen bei AdoleScER gelernt, dass man es zuerst schaffen muss, „zu sich selbst gut zu sein“, um auch anderen ehrlich Gutes tun zu können. Wieder in Deutschland angekommen, stellt sich mir oft die Frage ob wir – uns immerzu als die fortgeschrittene Gesellschaft bezeichnend -  nicht schon an diesem ersten Schritt scheitern. Ob die Gründe darin zu finden sind, dass wir nicht genug genießen können, was wir haben, uns immerzu in die falsche Richtung mit anderen vergleichen oder schlichtweg nicht erkennen, welche unschätzbaren und schon alltäglichen Reichtümer (Sicherheit, Heim, Sauberkeit, etc.) sich uns bieten? Vielleicht sollten wir uns in dieser Hinsicht einmal ein Beispiel an einer anderen Kultur nehmen, der so viele unserer selbstverständlichen Besitztümer verwehrt sind, aus der aber dennoch wunderbare, wertvolle und oft sogar zufriedene und glückliche Menschen erwachsen. Vielleicht können wir dadurch den Menschen in diesen Ländern einiges zurückgeben und endlich wieder mehr Gutes tun.

Abschließend lässt sich sagen, dass diese Kinder, die den Anschein haben, so wenig zu besitzen (sowohl materiell als auch an Wissen), es geschafft haben meinen Horizont so zu erweitern, wie es in Deutschland nicht möglich gewesen wäre. Trotz aller Unterschiede gehören wir alle in dieser Welt zusammen und können immer wieder voneinander lernen.
Ich blicke auf eine sehr wertvolle Zeit zurück, in der ich mit erdrückender Armut und Gewalt konfrontiert wurde, aber auch unglaublich viel lernen durfte und vielen tollen Menschen begegnet bin...Ich danke allen, die mir dies ermöglicht haben, und werde sicherlich zurückkehren.

Hannah Müggenburg

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